Diese Blog-Serie beleuchtet Themen, die selten angesprochen, aber häufig erlebt werden. Erkrankungen des Analbereichs und des Beckenbodens betreffen nahezu jeden Menschen im Lauf seines Lebens und die meisten davon können gut behandelt werden, wenn sie rechtzeitig erkannt und eine geeignete Therapie eingeleitet wird.

Der erste Teil dieser Serie beschäftigt sich mit der Schwäche des Beckenbodens, die insbesondere nach Geburten, nach Krebserkrankungen oder Operationen auftreten kann. Auch im Alter verliert das Muskelgefüge an Kraft und die Funktionen des Beckenbodens lassen langsam nach.

Blasenschwäche ist ein häufiges Symptom des geschädigten bzw. schwachen Beckenbodens und wird heute zunehmend offen angesprochen, gut abgeklärt und auch vielfältig behandelt. Dahingegen führt die Schwäche des analen Schließmuskels noch viel zu selten zum Arzt. Bereits der ungewollte Verlust von Winden ist die erste Stufe einer Stuhlinkontinenz und sollte umgehend therapiert werden, um weitere Beschwerden zu vermeiden. Die mit dem zunehmenden Kontrollverlust verbundenen, psychischen Belastungen sind enorm, daher ist ein früher Behandlungsbeginn entscheidend für den Therapieerfolg.
Die Ursachen einer Stuhlinkontinenz sind vielfältig und reichen von Defekten des Schließmuskels über Hämorrhoiden, Darminfektionen oder Entzündungen im Analbereich bis zu einer allgemeinen Beckenbodenschwäche. Über die Häufigkeit der Stuhlinkontinenz gibt es nach wie vor keine exakten Daten, weil einerseits die meisten Betroffenen nur sehr ungern über die Problematik sprechen und andererseits der Arzt des Vertrauens nicht explizit nach Symptomen fragt, wenn diese nicht thematisiert werden. Die in Studien angegebene Häufigkeit mit bis zu 20% ist sicherlich noch zu niedrig angesichts der heiklen Problematik.
Einen besonderen Stellenwert bei der Entwicklung einer Stuhlinkontinenz nehmen dabei Frauen ein, die ein Kind bzw. mehrere Kinder geboren haben. Dabei zeigte sich in einer Untersuchung von 5491 Frauen 6 Monate nach der Geburt, dass diese Mütter in bis zu 45% von einer Stuhlinkontenz berichteten. Interessant dabei war, dass in dieser Studie sowohl Geburten mittels Kaiserschnitt, als auch vaginale Geburten miteinbezogen wurden. Es ist bekannt, dass die „natürliche“, also vaginale Geburt insgesamt mit einem höheren Risiko einer späteren Stuhlinkontinenz einhergeht. Aber auch bei den Frauen, die einen Kaiserschnitt hatten (ohne Wehentätigkeit oder auch ohne Pressphase vorher) kam es bei 38% in dieser Studie zu neu aufgetretenen Symptomen einer Stuhlinkontinenz nach der Geburt. In einer anderen Studie wurden Frauen 30 Jahre nach einer Geburt untersucht und auch hier war hinsichtlich der Stuhlinkontinenz kein Unterschied in der Art der Geburt (natürlich oder per Kaiserschnitt) und auch kein Unterschied, ob ein Dammschnitt oder Dammriss während der Geburt stattfand. Nach 30 Jahren kam es in bis zu 40% der Fälle zu einer Stuhlinkontinenz im Sinne von unkontrolliertem Verlust von Winden und/oder Stuhl.

Konservative, also nicht-operative Therapieformen haben sich über die Jahre etabliert und können bei einer vorliegenden Stuhlinkontinenz je nach Art, Klassifikation und Ursache erfolgreich eingesetzt werden. In erster Linie erfolgt die Reduktion der Stuhlfrequenz, also die Anzahl der Stuhlgänge, und die Verbesserung der Stuhlkonsistenz. Ernährungstherapeutische Möglichkeiten sind sowohl die Erstellung eines geeigneten, individuellen Ernährungsplans, als auch die zusätzliche Anwendung von natürlichen Nahrungsergänzungen (bei einigen Formen der Inkontinenz zum Beispiel Flohsamenschalen oder auch Zellulosehältige Lebensmittel wie etwa Getreide oder Kartoffeln). Ebenso kann es manchmal hilfreich sein, die Darmbewegungen einzuschränken, wo neben der Ernährung auch Medikamente gezielt eingesetzt werden.

Deweiteren kann mit Biofeedbacktraining eine signifikante Verbesserung einer Stuhlinkontinenz erreicht werden. Dabei wird die Beckenbodenmuskulatur und insbesondere der Schließmuskel durch sichtbar gemachte Signale trainiert und die Fähigkeit, den Stuhl zu halten, richtig gelernt. Dabei werden sowohl die Empfindlichkeit und Empfindsamkeit der Damm- und Analregion deutlich erhöht, als auch die Stärke der Muskulatur verbessert.

Treatment of fecal incontinence: state of the science summary for the National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases Workshop. Am J Gastroenterol.  2015; 110(1):138-46

CategoryProktologie

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